Langfristwetter – Langfristige Witterungsprognosen für Deutschland und Europa
Langfristwetter · Meteorologie und Klimadaten

Die Methode des Long Range Forecast Systems (LRFS)

Einblick in Daten, statistische Verfahren und die Berechnung langfristiger Witterungstendenzen.Wie aus großräumigen Wetter- und Klimadaten langfristige Witterungstendenzen abgeleitet werden

1. Grundidee und Entwicklung

Die Witterung in Mitteleuropa wird nicht allein durch die Wetterlage unmittelbar vor Ort bestimmt. Auch großräumige Strömungs- und Druckverhältnisse sowie Vorgänge in anderen Teilen der Erde können mit der späteren Witterung in Europa statistisch zusammenhängen. Ein bekanntes Beispiel ist die Nordatlantische Oszillation (NAO), die vereinfacht das Druckgefälle zwischen dem Raum um Island und dem subtropischen Atlantik beschreibt und die Westwindzirkulation über dem Nordatlantik beeinflussen kann.

Ausgangspunkt des LRFS war die Untersuchung, ob Druckanomalien im Nordatlantik – also Abweichungen des Luftdrucks vom jeweiligen klimatologischen Mittel – statistische Hinweise auf die Temperaturentwicklung in Mitteleuropa in den folgenden Monaten enthalten. Da solche Beziehungen nicht zu jeder Zeit gleich stark ausgeprägt sind, wurde die Analyse auf weitere Gebiete der Nordhemisphäre ausgeweitet, darunter den Nordpazifik, Eurasien und Nordamerika. Zusätzlich zum Luftdruck wurden weitere meteorologische Größen einbezogen: das Geopotential in der 200-hPa-Druckfläche sowie die Oberflächentemperatur der Weltmeere.

Auf dieser Grundlage entstand das statistische Verfahren LRFS (Long Range Forecast System). Die Berechnungen wurden ab 2004 schrittweise automatisiert und in den folgenden Jahren mehrfach überarbeitet. Der aktuell beschriebene Untersuchungszeitraum reicht von 1966 bis 2025. Die Automatisierung ermöglicht es, umfangreiche Datensätze systematisch auszuwerten und die Methode auf unterschiedliche Zielregionen anzuwenden.

2. Welche Daten werden verwendet?

Das Verfahren untersucht monatliche Daten aus mehreren Bereichen des Klimasystems. Als Prädiktoren (Einflussgrößen, aus denen Hinweise auf die spätere Entwicklung gewonnen werden sollen) dienen:

• Luftdruckdaten auf Meereshöhe an Gitterpunkten der Nordhemisphäre mit einer räumlichen Auflösung von 2,5° × 2,5°;
• Geopotentialdaten der 200-hPa-Druckfläche, die Informationen über die großräumige Strömung in höheren Atmosphärenschichten liefern;
• Meeresoberflächentemperaturen, die den thermischen Zustand der Ozeanoberfläche beschreiben.

Die Daten entstammen dem ERA-5-Datensatz des European Centre for Medium-Range Weather Forecasts (ECMWF). Als zu prognostizirende Zielgrößen dienen vier klimatische Indizes für den atlantisch-europäischen Raum, darunter die NAO. Sie sollen wichtige Merkmale der großräumigen Zirkulation in dieser Region zusammenfassen. Die statistisch abgeleiteten Indexwerte bilden anschließend eine Grundlage für die Berechnung der erwarteten Druck- und Temperaturverteilung in Europa.

Die Analyse wird für die jeweils letzten vier Vormonate durchgeführt. Der Himalaya- und Tibetbereich wird bei den Luftdruckdaten wegen bekannter Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Reduktion auf Meereshöhe ausgeschlossen. Gebiete südlich des Äquators werden in der beschriebenen Analyse ebenfalls nicht berücksichtigt.

Verlauf der Methodik

Der Verlauf der Berechnungen des LRFS untergliedert sich in 4 Teilbereiche:

  1. Korrelationsanalyse
  2. Auswahl der Variablen
  3. Hauptkomponentenanalyse
  4. PLS-Regression
  5. Berechnung der Vorhersagefelder
Landschaftliche Illustration zur Methodik

Einschub: Was ist der Korrelationskoeffizient?

Der Korrelationskoeffizient (KK) ist ein Maß für die Stärke des linearen Zusammenhanges zweier Datenreihen.
Der Wert dieses Koeffizienten ist eine dimensionslose Zahl und liegt immer zwischen 1 und -1. Dabei bedeutet ein Wert von 1, dass ein perfekter linearer Zusammenhang zwischen beiden Reihen vorliegt (je größer A, desto größer B). Gleiches gilt bei -1, jedoch im umgekehrten Sinne (je größer A, desto kleiner B). Ist überhaupt kein linearer Zusammenhang zwischen den Datenreihen vorhanden, beträgt der Wert 0 (siehe Grafiken).

Der KK ist eine Maßzahl, die sich ausschließlich auf lineare Zusammenhänge bezieht. Selbst wenn der Koeffizient niedrig bis null ist, kann dennoch ein (nichtlinearer) Zusammenhang zwischen zwei Datensätzen vorhanden sein. Obwohl atmosphärische Vorgänge in der Regel nicht linear sind, eignet sich der KK dennoch um zumindest gewisse Beziehungen der Parameter untereinander aufzudecken.

Um die Güte einer Korrelation zu überprüfen, reicht die alleinige Kenntnis des KK nicht aus, da dessen Aussagewert auch vom Umfang der Datenreihen abhängig ist. Ein hoher KK bei einer geringen Anzahl von Fällen könnte auch zufälliger Natur sein und eine sogenannte Scheinkorrelation vortäuschen. Um herauszufinden, ob ein KK tatsächlich signifikant ist, d.h. ob der gefundene Zusammenhang nicht nur in der Stichprobe existiert, sondern sich auch verallgemeinern lässt, führt man einen Signifikanztest durch.


3. Die vier Schritte des Verfahrens

Schritt I: Korrelationsanalyse
Zunächst wird geprüft, wie stark die monatlichen Werte der meteorologischen Prädiktoren an den einzelnen Gitterpunkten statistisch mit den Zielindizes des jeweils folgenden Monats zusammenhängen. Dafür wird der Korrelationskoeffizient berechnet. Er beschreibt die Stärke und Richtung eines linearen Zusammenhangs: Ein Wert nahe +1 steht für einen starken positiven, ein Wert nahe −1 für einen starken negativen linearen Zusammenhang. Ein Wert nahe 0 weist auf keinen ausgeprägten linearen Zusammenhang hin; nichtlineare Beziehungen können damit allerdings unentdeckt bleiben.

Diese Berechnung wird getrennt für Luftdruck, 200-hPa-Geopotential und Meeresoberflächentemperatur sowie für die betrachteten Vormonate durchgeführt. Da dabei sehr viele Gitterpunkte und Datensätze ausgewertet werden, erfolgt dieser Arbeitsschritt programmgesteuert.

Schritt II: Auswahl der Variablen
Im nächsten Schritt werden diejenigen Variablen ausgewählt, deren absoluter Korrelationskoeffizient mit einem Zielindex mindestens 0,35 beträgt. Dieser Schwellenwert ist ein festgelegtes Auswahlkriterium des Verfahrens. Er dient dazu, die große Zahl möglicher Einflussgrößen auf Variablen mit einem vergleichsweise deutlichen linearen Zusammenhang zu begrenzen. Die Auswahl wird für die drei Prädiktorgruppen vorgenommen; die ausgewählten Variablen werden anschließend für die weiteren Berechnungen gespeichert.

Ein Korrelationswert allein beweist jedoch weder einen ursächlichen Zusammenhang noch eine zuverlässige Vorhersage. Bei sehr vielen gleichzeitig geprüften Variablen müssen außerdem Stichprobenumfang, zeitliche Abhängigkeiten der Daten und die Vielzahl der durchgeführten Tests bei der statistischen Bewertung berücksichtigt werden.

Schritt III: Hauptkomponentenanalyse (PCA)
Die Korrelationsanalyse kann eine große Zahl räumlich zusammenhängender Variablen liefern. Viele davon enthalten ähnliche Informationen, weil benachbarte Gitterpunkte häufig vergleichbare Entwicklungen zeigen. Um diese Informationsfülle übersichtlicher und statistisch handhabbarer zu machen, wird auf die ausgewählten Variablen eine Hauptkomponentenanalyse (Principal Component Analysis, PCA) angewendet.

Die PCA fasst die Informationen mehrerer ursprünglicher Variablen in wenigen neu gebildeten Größen, den Hauptkomponenten, zusammen. Dadurch können Redundanzen verringert und zusammengehörige räumliche Muster kompakter beschrieben werden. Die Analyse erfolgt getrennt nach Prädiktorgruppe und Vormonat. Die so gewonnenen Hauptkomponenten werden anschließend als Eingangsgrößen für das Regressionsmodell verwendet.

Schritt IV: PLS-Regression Berechnung der Prognosefelder
Im letzten statistischen Modellierungsschritt werden die Hauptkomponenten mit einer PLS-Regression (Partial Least Squares) ausgewertet. Dieses Regressionsverfahren bildet Kombinationen der Eingangsgrößen, die für die Erklärung beziehungsweise Schätzung der Zielgrößen besonders relevant sind. Aus dem Modell werden Regressionskoeffizienten abgeleitet, mit denen die Anomalien der Zielindizes für den Prognosemonat geschätzt werden.

Schritt V: Berechnung der Prognosefelder
Die prognostizierten Indexanomalien dienen anschließend als Grundlage, um die erwarteten Luftdruck- und Temperaturverteilungen zu berechnen. Diese Berechnung erfolgt mithilfe einer multivariaten Regression für Gitterpunkte im Abstand von 5° × 5°. Für Deutschland werden die Ergebnisse abschließend in verständliche Witterungskategorien eingeteilt.

4. Wie werden die Prognosen dargestellt?

Die Temperaturprognosen für Deutschland werden in fünf Kategorien zusammengefasst: „sehr kalt“, „kalt“, „normal“, „mild“ und „sehr mild“. Für den Niederschlag werden drei Kategorien verwendet: „trocken“, „normal“ und „nass“. Diese Begriffe beziehen sich auf die erwartete Abweichung vom klimatologischen Vergleichswert für den betrachteten Zeitraum und nicht darauf, dass jeder einzelne Tag entsprechend ausfallen muss.

Die Kategorien beschreiben somit eine großräumige Tendenz für den jeweiligen Prognosezeitraum. Sie sind keine detaillierte Vorhersage des Wetters an einzelnen Tagen oder Orten. Auch innerhalb eines als mild eingestuften Monats können kalte Phasen auftreten; ebenso bedeutet die Kategorie „nass“ nicht, dass es durchgehend regnet.


5. Möglichkeiten und Grenzen

Das LRFS nutzt historische statistische Beziehungen zwischen großräumigen meteorologischen Mustern und späteren Witterungsindizes. Sein Ansatz besteht darin, mögliche Vorhersagesignale aus verschiedenen Regionen und atmosphärischen beziehungsweise maritimen Größen gemeinsam zu untersuchen. Die statistischen Zusammenhänge können sich jedoch im Laufe der Zeit verändern und sind nicht in jeder Jahreszeit oder Region gleich ausgeprägt.

Wie zuverlässig eine Prognose tatsächlich ist, lässt sich deshalb nicht allein aus den gefundenen Korrelationen oder aus dem Aufbau des Modells ableiten. Dafür müssen die Vorhersagen systematisch anhand geeigneter Verifikationsverfahren geprüft und mit einer Referenz, beispielsweise der Klimatologie, verglichen werden. Langfristprognosen geben Wahrscheinlichkeiten und Tendenzen wieder; sie erlauben keine sichere Festlegung des konkreten Wetterablaufs über Wochen oder Monate.

Eine weitere Abhandlung des beschriebenen Verfahrens ist als pdf-Datei abrufbar (aktualisiert).


Vor- und Nachteile


Für weitere Fragen steht der Autor per Mail oder Formular gern zur Verfügung.


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